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Artikel der Ausgabe Nr. 1

Alkoholabhängigkeit

Dr. Thilo Beck

«Es ist wichtig,
mit dem Betroffenen
zu entscheiden»

Die chronische Einnahme von Alkohol kann vielfältige soziale und medizinische Probleme verursachen – vom schädlichen Konsum bis hin zur Abhängigkeit. Der Psychiater und Suchtmediziner Dr. Thilo Beck ist Chefarzt der Arud Zentren für Suchtmedizin in Zürich. Er betont die Bedeutung von gemeinsamen Zielsetzungen des Betroffenen und des Arztes auf einem individuellen Entwicklungsweg. Denn nicht alle Alkoholkranken können oder wollen abstinent leben. Die Reduktion des Konsums kann ihnen genau so helfen wie ein totaler Verzicht auf Alkohol.

Wie wirkt sich übermässiger Alkoholkonsum auf den Körper aus?
Dr. Thilo Beck: Alkohol hat ein breites Spektrum von schädigenden Nebenwirkungen, die abhängig sind von der Dosis und dem Zeitraum, über den Alkohol konsumiert wurde. Alkohol ist ein Nervengift. Es kann bei übermässigem Konsum zu Gefühls- und Gangstörungen kommen, im schlimmsten Fall zur Demenz. Alkohol wirkt zudem krebserregend; er kann Neubildungen von Tumoren im Gaumen- und Lippenbereich und der Speiseröhre fördern. Auch das Brustkrebsrisiko ist erhöht. Alkohol schädigt die Leber und bei mehr als 5 g* am Tag schädigt Alkohol auch die Gefässe und damit das Herz-Kreislaufsystem. Neue Erkenntnisse zeigen, dass ein gelegentlicher, aber exzessiver Konsum von Alkohol genauso schädlich sein kann, wie ein anhaltender, übermässiger Alkoholkonsum.

Welcher Therapieansatz bietet sich für welchen Patienten an?
Das Therapieziel definieren Arzt und Patient gemeinsam; es wird nicht vom Arzt vorgegeben! Das ist die eigentliche Änderung im Therapieansatz. Unsere Aufgabe als Ärzte und Therapeuten besteht darin, den Patienten auf seinem individuellen Weg zu begleiten und zu unterstützen. Entscheidend ist, aus welchen Beweggründen der Betroffene in die Praxis kommt. Geschieht dies primär auf Druck von aussen, beispielsweise, weil die Ehefrau will, dass der Partner mit dem Konsum aufhört, dann muss der Therapeut zuerst mit dem Patienten zusammen herausfinden, was aus Sicht des Patienten selbst mögliche Ziele einer Therapie sein sollen. Erwünschte Veränderungen des bisherigen Alkoholkonsummusters, sei dies eine Konsumreduktion oder eine vorübergehende oder längerfristige Abstinenz, können dabei mit medikamentösen Interventionen unterstützt werden. 

Wie entscheidet sich, welcher Therapieansatz der momentan richtige ist?
Die Abstinenz ist in der Therapie stark verwurzelt und wurde als der «goldene Therapieweg» bezeichnet. In den Siebzigerjahren entwickelte sich das Konzept der Konsumreduktion und des kontrollierten Trinkens. Heute wissen wir, dass eine nachhaltige Reduktion der Trinkmenge das gesundheitliche Risiko massgeblich verringert und für viele Betroffene auch realisierbar ist. Auf therapeutischer Ebene war das aber lange ein moralischer Krieg. Denn Abhängigkeit und Sucht wurden als Willensschwäche interpretiert. Die Idee war, dass willensschwache Menschen keine andere Möglichkeit haben, als zu verzichten. Es ging nach dem Prinzip «Alles oder Nichts!». Und wer nicht aufhören konnte zu konsumieren, wurde als Versager abgestempelt. Es gibt aber nichts Schlimmeres für das eigene Selbstwertgefühl. Um diese Selbstentwertungsspirale zu vermeiden, ist es so wichtig, mit dem Betroffenen zu entscheiden, welcher Weg im Moment und unter den gegebenen Umständen der beste ist und welche Erfahrungen im Vorfeld gemacht wurden. Wenn dieser beispielsweise klar sagt, er kann oder will zum gegebenen Zeitpunkt nicht auf den Konsum von Alkohol verzichten, dann gilt es, dies ernst zu nehmen und andere, genau so sinnvolle und hilfreiche Zielsetzungen wie eine Konsumreduktion ins Auge zu fassen.

Gibt die Reduktion die Eigenverantwortung an den Betroffenen zurück – mehr noch als bei der Abstinenz?
Wenn die Abstinenz im Moment kein wünschenswertes Ziel darstellt, eröffnet das Therapieziel der Konsumreduktion neue Möglichkeiten – der eigenverantwortliche Entscheid zur Konsumreduktion stellt in dieser Situation einen deutlichen Gewinn an Selbstbestimmung dar und fördert das Selbstwertgefühl. Beim kontrollierten Konsum muss man sich selber Grenzen setzen und Risikosituationen erkennen und meistern. Beispielsweise gibt man sich selber die Erlaubnis am Betriebsfest vier Gläser Bier zu trinken statt der sonst zwei bis drei Gläser an den übrigen Tagen. Wenn möglich, werden auch ein bis zwei konsumfreie Tage pro Woche eingeplant. Die Ziele sollten allerdings realistisch gewählt sein. 

Welche Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine Sucht?
Die Gene haben einen wichtigen Einfluss, wie empfindlich eine Person psychisch und körperlich auf Alkoholkonsum reagiert und wie hoch damit das Risiko ist, den Konsum schlecht kontrollieren zu können. Es gibt Menschen, die Alkohol sehr gut vertragen, diesen schneller abbauen und beispielsweise keinen Kater entwickeln. Bei ihnen ist die Chance grösser, dass mehr Alkohol konsumiert wird und sich eine Abhängigkeit entwickelt. Neben den genetischen Faktoren beeinflussen auch Umweltfaktoren das Risiko. Lagen schwierige familiäre Verhältnisse vor? Haben bereits die Eltern viel Alkohol konsumiert? Wer sich in schwierigen Situationen nicht selber managen kann, beziehungsweise dies nicht gelernt hat, hat ein grösseres Risiko in Belastungssituationen auf die «Stütze» Alkohol zurückgreifen zu wollen. 

Was können Angehörige tun, um den Betroffenen zu unterstützen?
Das soziale Umfeld ist – wenn möglich – einzubeziehen. Angehörige müssen wissen, welches die Therapieziele sind und warum. Sie können dann insbesondere in blockierten Situationen unterstützend einwirken. Angehörige haben die anspruchsvolle Aufgabe, den Betroffenen mit Liebe und Respekt und doch mit der notwendigen Abgrenzung zu begleiten. Sie sollen seine guten Seiten sehen und wertschätzen und Grenzen setzen, wenn die eigenen Ressourcen überfordert sind. 

Welche Form der Kurzintervention unterstützt den Patienten in der Therapie?
Wirksam sind im hausärztlichen Setting die sogenannten Brief Interventions (Kurzinterventionen), in denen in kurzen Gesprächssequenzen von 10 bis 15 Minuten über Risiken des bestehenden Konsums aufgeklärt und geprüft wird, ob und zu welchen Änderungen des Konsumverhaltens sich der Patient zu entschliessen vermag und welche unterstützenden Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Entscheidend bei diesem Ansatz ist, dem Patienten im Gespräch empathisch, wertschätzend und akzeptierend zu begegnen, ihn darin zu unterstützen und ihm die Möglichkeit zu geben, seine Wahl zu treffen. Auch heute noch besteht bei vielen Ärzten das für diesen Behandlungsansatz wenig hilfreiche Bild des Alkoholikers, der selber schuld ist am Konsum und der sich einfach nicht zusammenreissen will. 

* 1 Glas Wein = 1 Standarddrink, entspricht zirka 10 g reinem Alkohol

Dr. Thilo Beck

Der Psychiater und Suchtmediziner Dr. Thilo Beck ist Chefarzt der Arud Zentren für Suchtmedizin in Zürich. Die Arud setzt sich für die Entkriminalisierung, Entstigmatisierung und für die Gesundheit und Lebensqualität von Suchtkranken ein. Internet: www.arud.ch

Sind 2 Gläser bereits zu viel?

Gute Gründe, Alkohol zu trinken, finden sich immer. Denn wer schätzt nicht das kühle Bier nach einem anstrengenden Arbeitstag, das Cüpli zur Feier des Tages oder die ein, zwei Gläser Wein in geselliger Runde mit Freunden oder mit der Familie ?

Für ein geringes Gesundheitsrisiko: 
max. 4/2 Standarddrinks* pro Tag + 2 Tage ohne Alkohol pro Woche

Konsumieren Sie regelmässig über dieser Menge sprechen Sie mit Ihrem Arzt.

Download Risikoklassen und Trinkkalender (PDF)