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Artikel der Ausgabe Nr. 1

Experteninterview

Prof. Martin E. Keck

«ES GEHT DARUM, EIN RICHTIGES MASS VON BELASTUNG UND ENTLASTUNG ZU FINDEN»

Viele an einer Depression erkrankte Menschen haben Mühe, sich zu konzentrieren. Sie können nicht arbeiten oder haben grosse Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen und machen sich deshalb Vorwürfe. Die sogenannte Störung der Kognition oder die gestörte Wahrnehmung von Infor­mationen wiederum verstärkt den depressiven Teufelskreis. Prof. Martin E. Keck ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt Privatstationen der Clienia Privatklinik Schlössli in Oetwil am See (ZH). Der Psychiater und Neurologe rät zu einer gezielten Behandlung der Depression als auch der kogni­tiven Störungen über einen ausreichenden Zeitraum.

Wie äussern sich kognitive Störungen im Alltag oder im Beruf?
Prof. Martin Keck: Nehmen wir den Alltag einer Hausfrau: Diese muss den ganzen Tag mehrere Sachen gleichzeitig erledigen. Dazu braucht es das Arbeitsgedächtnis, das den Ablauf von Handlungen bestimmt. Ist dieses aufgrund einer Depression gestört, bringt das den ganzen Tagesablauf durcheinander: Termine gehen vergessen, das Essen zu planen und zu kochen ist auf einmal ein schwieriges Unterfangen, die Wäsche geht vergessen oder die betroffene Haus­frau geht in den Keller und weiss nicht mehr, was sie dort holen wollte; der Handwerkertermin ist nicht organisiert, weitere Telefone nicht gemacht. Das sind alles komplexe Abläufe im Gehirn, die oft gleichzeitig stattfinden müssen und nicht mehr reibungslos funktionieren. Hinzu kommen Schuldgefühle, weil man es nicht schafft. Das verstärkt wiederum den depressiven Teufelskreis. Im Arbeitsprozess macht sich bei Arbeitnehmern häufig das Gefühl breit, nichts mehr zu können oder alles falsch zu machen, weil sie bemerken, dass sie Dinge vergessen und mehr Zeit für Arbeitsprozesse benötigen als andere. 

Wie können Psychiater diese Einschränkungen messen oder abklären?
Das Problem ist, dass wir eben keine gängigen Erfassungs­systeme im Bereich der Kognition haben. Stattdessen klären Mediziner die depressive Symptomatik beispielsweise an­hand der Hamilton­-Skala ab, mittels derer wir beurteilen können, wie schwer ein bestimmtes depressives Symptom ausgeprägt ist. Beispiele sind Schuldgefühle, verschiedene Arten von Schlafstörungen oder Suizidgedanken. Kognitive Störungen bilden die gängigen Skalen allerdings nicht ab. Um diese richtig erfassen zu können, bedarf es einer neuro­psychologischen Untersuchung. Diese ist aufwendig, aber unerlässlich zur Darstellung der betroffenen Bereiche. Ab­geklärt werden in diesen Tests die Wahrnehmung, Konzen­tration/Aufmerksamkeit, die Sprache oder Lernvorgänge. Denn nur, wenn wir wissen welche kognitiven Störungen vorliegen, können wir gezielt therapieren.

Wann treten Probleme bei der Kognition im Verlauf der Depression auf?
Sie treten bereits sehr früh auf, sind aber lange Zeit nicht wahrgenommen worden; zudem halten sie sehr lange an. Alle anderen Depressionssymptome wie die Stimmung, Stress und Unruhe können sich bereits normalisiert haben, aber die kognitiven Fähigkeiten sind immer noch einge­schränkt. Ich frage sehr oft nach, ob Patienten die Zeitung lesen können. Daran erkenne ich, ob die Konzentration ausreichend ist und inhaltliche Zusammenhänge erkannt werden.

Wie sieht die Behandlung aus?
Zuerst einmal bedarf es in der Regel einer intensiven statio­nären Behandlung. Die Patienten sind depressiv und mittel­schwer bis schwer krank. In dieser akuten Krankheitsphase ist es wichtig, dass sich die Betroffenen nicht suizidieren, dass ein geregelter Tagesrhythmus möglich ist und sie mor­gens beispielsweise wieder aufstehen können. Wir müssen dafür sorgen, dass die Patienten überhaupt wieder am Leben teilnehmen können, deshalb stehen beispielsweise Konzen­trationsstörungen in der akuten Phase nicht im Vordergrund. Erst wenn sich die depressive Symptomatik beruhigt hat, ist die Testung und Behandlung dieser Störungen relevant.

Wie kommt es überhaupt zu Problemen in der Infor­mationsverarbeitung und damit zu Störungen der Konzentration oder der Aufmerksamkeit?
Wir wissen heute, dass viele Gehirnregionen bei der Depres­sion beeinträchtigt sind, die für die Ausführung und Planung von Handlungen oder für das Abspeichern und Abrufen von Informationen verantwortlich sind. Auch die emotionale Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie die Analyse möglicher Gefahren spielt sich in spezifischen Gehirnregionen ab. Die Depression beeinträchtigt dieses gesamte Nerven­-Netzwerk. 

Wie lässt sich die gestörte Konzentration von den depressiven Kernsymptomen wie Niedergeschla­genheit, Freudlosigkeit, Gedankenverarmung ab­grenzen?
Die Symptome können sich vermischen, aber eine gründ­liche Untersuchung kann die depressiven Symptome sehr gut von den kognitiven Störungen abgrenzen. Denn die eigentliche depressive Symptomatik zeigt sich anders als die kognitive Störung. 

Lassen sich die Betroffenen im Beruf oder Alltag wieder integrieren?
Studien zeigen, dass kognitive Störungen auch noch über ein halbes Jahr nachdem die depressiven Symptome bereits nachgelassen haben, weiter bestehen bleiben. Die Invaliden­versicherung könnte dann geneigt sein zu sagen, die Betrof­fenen könnten wieder arbeiten gehen, da sie gesund sind. Das ist ein grosses Problem, weil dies nicht dem realen Zustand entspricht. Die Betroffenen können nur 5 Punkte auf der Hamilton­-Skala erreichen, was einem Rückgang der depressiven Symptomatik entspricht, aber die kogni­tiven Störungen bleiben bestehen. Trotz niedrigem Score sind die Patienten also nicht etwa wieder gesund und arbeits­fähig, obwohl die Stimmung ausgeglichen ist, sondern die kognitiven Fähigkeiten hinken hinterher.

Sind sich Psychiater, aber auch Hausärzte, der Bedeutung dieser Störung bewusst?
Bislang leider nicht immer. Ich denke aber, dass häufig auch der Zeitmangel als Ursache angesehen werden kann. Die Erfassung von kognitiven Störungen ist bislang sehr zeitauf­wendig. Ausserdem kann die Eingrenzung mittels Tests auch teuer sein und sollte eine Behandlung nach sich ziehen, die wir heute nicht wirklich immer anbieten können. Ich denke, langfristig müssen wir kognitiven Störungen mehr Bedeutung geben und deren Behandlung in die Leitlinien zur Behandlung der Depression aufnehmen – schon allein aufgrund der volkswirtschaftlichen Konsequenzen. Denn mit einer gezielten Behandlung könnten wir IV­-Fälle ver­meiden. Insgesamt hat sich in den letzten Jahren im Bereich der Wiedereingliederung von psychisch kranken Menschen Einiges zum Positiven entwickelt.

Können Angehörige helfend oder unterstützend wirken, wenn es darum geht, den Alltag oder das Berufsleben zu meistern?
Die Angehörigen nehmen eine sehr wichtige Rolle ein und sind dem Betroffenen eine wichtige Stütze. Schon allein das Thema anzusprechen, kann enttabuisierend wirken. Zudem können Angehörige dem Betroffenen helfen, den Alltag besser zu organisieren. Beispielsweise, indem Merk­zettel geschrieben werden. Es gilt jedoch, das richtige Mass von Ent- und Belastung zu finden. Aber auch einfach das Gefühl zu vermitteln: «Wir stehen das gemeinsam durch. Es wird besser, auch wenn es nochmals Zeit braucht», ist bereits eine riesige Unterstützung. 

Den Teufelskreis durchbrechen

Menschen mit einer psychischen Krankheit wie der Depression haben oftmals Mühe, im Alltag und Beruf zu funktionieren. Bedingt durch die Krankheit bleiben Symptome wie Konzentra­tionsstörungen, Schlafstörungen oder Antriebslosigkeit zurück. Um nicht in den Teufelskreis von Schuldgefühlen zu gelangen, ist die frühzeitige Behandlung umso wichtiger. Der Psychiater kann in diesem Problemfeld als Vermittler auftreten.

Prof. Martin E. Keck

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Martin Ekkehard Keck ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt Privatstationen der Clienia Privatklinik Schlössli in Oetwil am See (ZH). Sein klinischer Schwerpunkt liegt in der Erforschung und Behandlung von stressbedingten Erkrankungen, wie beispielsweise Depression, Burnout und Angsterkrankungen. Im Oktober 2014 folgt er dem Ruf als Direktor der Klinik des weltweit renommierten Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München (D). Er bleibt dem «Schlössli» als «Ärztlicher Direktor Privé und Innovationen» erhalten.