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Artikel der Ausgabe Nr. 1

Patienteninterview

«Es ist wenig
bis kaum Verständnis vorhanden»

Im Elternhaus von Susanne Adler# (69) gehörte der Konsum von Alkohol einfach dazu. Im Erwachsenenalter entwickelte sich Alkohol für sie zur «Stütze» bei Problemen, bis sie den Grat zwischen Gewohnheit und Sucht überschritten hatte. Heute lebt sie abstinent oder sie trinkt kontrolliert Alkohol – auch dank einer professionellen Suchttherapie.

Hat es für Sie Ursachen, weshalb Sie in die Sucht gerutscht sein könnten?
Das ist schwer zu sagen, da der Prozess schleichend eingetreten ist. Ich bin in einem Hotelbetrieb aufgewachsen. Bei uns stand zum Essen immer eine Flasche Wein auf dem Tisch. Alkohol war Teil eines normalen Alltags. Ich habe mich daher sehr früh daran gewöhnt, regelmässig, aber nie übermässig viel zu trinken. Durch den Beruf meiner Eltern war ein normales Familienleben nicht möglich. Zudem war mein Vater Alkoholiker und meine Mutter süchtig nach Schlaftabletten. Ich will mich nicht entschuldigen, aber ich denke schon, dass meine Abhängigkeit deshalb ihre Ursache auch in der Kindheit hat. Es kommt wahrscheinlich auch eine genetische Komponente für meine Alkoholsucht dazu.

Wann wurde der Alkoholkonsum gefährlich?
Als ich mit 36 Jahren zum ersten Mal Mutter wurde. Davor hatte ich jahrelang als Sekretärin gearbeitet. Plötzlich war ich zu Hause und oft allein. Ich fühlte mich einsam und mit dem Kind überfordert. Zuerst trank ich jeden Abend ein bis zwei Gläser Wein, damit ich schlafen konnte. Dann kamen ein bis zwei Gläser Wein am Mittag dazu, damit ich einen Mittagschlaf halten konnte. Der Körper gewöhnte sich immer mehr daran, bis ich schon am frühen Morgen ein Glas Wein trinken musste. Im Nachhinein weiss ich, dass es gefährlich war, alleine zu trinken. Ich wollte meine Probleme runterschütten. Wenn man merkt, dass man in der Abhängigkeit drin ist, dann ist es zu spät.

Wie hat das soziale Umfeld auf die Sucht reagiert?
Ich spreche so wenig wie möglich über meine Sucht, weil wenig bis kaum Verständnis vorhanden ist. Dann wird gesagt: «Nimm dich zusammen» oder «Du bist doch intelligent, warum trinkst du». Oder es kommen belehrende Kommentare wie «Der Wein tut dir nicht gut» am Tisch vor allen Leuten. Ich war auch nie eine «Freundinnenfrau». Ich habe eine Freundin und nicht mehr. Ich kann mich nicht jedem öffnen. Hinzu kommt, dass ich durch die Scheidung einen Teil meines Bekanntenkreises verloren habe und dann nochmals durch die Pensionierung. Momentan bin ich fixiert auf meinen Lebenspartner. 

Ist es einfacher, kontrolliert zu trinken oder den Konsum zu reduzieren, als ganz zu verzichten?
Nichts zu trinken, ist am einfachsten und ganz wichtig – zumindest für mich – man sollte nie alleine trinken. Aber mehrere Möglichkeiten zu haben, ist besser. Ich weiss, dass ich nicht ganz auf Alkohol verzichten möchte und kann. Im Arud Zentrum wird erstmals kontrolliertes Trinken zugelassen. Dieses Vorgehen ist nicht so starr und rigide, was ich sehr begrüsse. Beim kontrollierten Trinken ist man sehr eigenverantwortlich. Das macht es schwierig mit dieser -ewonnenen Freiheit umzugehen. Bei mir ging das kontrollierte Trinken eine Zeitlang gut. Ich hatte mir erlaubt, eine Flasche Rotwein am Wochenende zu trinken und unter der Woche nicht. Bis es wieder einriss. Seit einem Monat trinke ich keinen Alkohol. Aber es kann auch wieder wechseln und dann trinke ich wieder kontrolliert Alkohol.

Wie reagieren Sie auf Druck von aussen?
Insgesamt war ich mehr als dreissig Mal im Entzug. 1985 zum ersten Mal als mein Sohn vier Jahre alt war, weil es anders nicht mehr ging. Wenn von aussen Druck kommt, dann reagiere ich erst recht mit Trotz und trinke. Es bringt nichts, jemanden zu etwas zu zwingen. Die verschiedenen Möglichkeiten den Alkoholkonsum zu reduzieren bedeuten für mich eine Verbesserung, weil sie nicht so rigide und starr sind wie eine Abstinenz. Ein Psychiater hat einmal zu mir gesagt, dass ich sofort zu den Anonymen Alkoholikern müsste, wenn ich wieder trinke. Das sind Machtspiele mit dem Patienten, die nicht gut sind und nicht gut tun. 

Warum möchten Sie das Interview anonym geben?
Für mich ist es eine Art Eigenschutz. Ich weiss aus Erfahrung, dass die Menschen als erste Reaktion Verständnis zeigen können. Aber wenig später kann es sein, dass die gleiche Person doch eine negative Bemerkung macht. Das ist perfid und besonders verletzend. Die Stimmung gegenüber Alkoholikern kann sehr schnell ins Negative kippen. Ich schäme mich aber nicht, weil ich Alkoholikerin bin.

Patient und Arzt entscheiden gemeinsam
Dr. Thilo Beck: Unsere Aufgabe als Ärzte und Therapeuten besteht darin, den Patienten auf seinem individuellen Weg zu begleiten und zu unterstützen. Eine Reduktion der Trinkmenge kann das gesundheitliche Risiko massgeblich verringern und ist für viele Betroffene auch realisierbar. Wenn beispielsweise die Abstinenz vom Alkohol im Moment kein wünschenswertes Ziel darstellt, eröffnet das Therapieziel der Konsumreduktion oder des kontrollierten Konsums neue Behandlungsmöglichkeiten. Diese stellen für den Betroffenen einen deutlichen Gewinn an Selbstbestimmung dar und fördern das Selbstwertgefühl. Entscheidend ist es, dem Patienten im Gespräch empathisch, wertschätzend und akzeptierend zu begegnen und ihn darin zu unterstützen, seine eigene Wahl zu treffen.

# Name der Redaktion bekannt
* 1 Glas Wein = 1 Standarddrink, entspricht zirka 10 g reinem Alkohol
1. Uhart M, Wand GS. Stress, alcohol and drug interaction: an update of human research. Addict Biol 2009; 14, 43–65.

Alkohol: Eine starke Verführung1

Alkohol wirkt auf Geist und Körper. Besonders die psychische Abhängigkeit ist tief im Gehirn verankert. Alkohol wirkt im Gehirn auf das limbische System, das Emotionen wie Angst, Wut, aber auch Freude und Lust verarbeitet. Es belohnt den Menschen beispielsweise für den Konsum von Rauschmitteln wie Alkohol, indem es dem Betroffenen signalisiert, dass der Reiz besonders relevant ist und ein starkes Wohlgefühl auslöst. Einmal erlernt, kann die Sucht lange bestehen bleiben. Selbst kleine Mengen konsumierten Alkohols können dann ein starkes Alkoholverlangen und eine verminderte Kontrolle über dessen Konsum auslösen.

Sind 2 Gläser bereits zu viel?

Gute Gründe, Alkohol zu trinken, finden sich immer. Denn wer schätzt nicht das kühle Bier nach einem anstrengenden Arbeitstag, das Cüpli zur Feier des Tages oder die ein, zwei Gläser Wein in geselliger Runde mit Freunden oder mit der Familie ?

Für ein geringes Gesundheitsrisiko: 
max. 4/2 Standarddrinks* pro Tag + 2 Tage ohne Alkohol pro Woche

Konsumieren Sie regelmässig über dieser Menge sprechen Sie mit Ihrem Arzt.

Download Risikoklassen und Trinkkalender (PDF)